Viele träumen den Traum vom Leben im Wohnmobil. Andere können sich diesen Lebensstil einfach nicht vorstellen. Und immer wieder kommt die Frage auf, wie sich das Leben auf wenigen Quadratmetern auf die Beziehung auswirkt. Die Einen sehen Freiheit ohne Ende, die Anderen den fehlenden Rückzugsort. Manche neigen zum Romantisieren, blenden mögliche negative Aspekte aus. Andere sehen nur die negativen Punkte.

Dabei ist es ganz einfach: jeder Jeck ist anders, und so auch jede Beziehung.


Leben im Wohnmobil - eine Beziehung auf kleinstem Raum führen

Nähe und Distanz

Wir haben uns unterwegs kennen gelernt: ich war in meinen selbst ausgebauten Camper unterwegs, mein Freund in seinem größeren Wohnmobil. Der Tag, an dem wir zusammen gekommen sind war auch der Tag, an dem wir zusammen gezogen sind, in sein Wohnmobil. Mein Camper wurde als „Beiwagen“ dekradiert. Viele haben angenommen, dass wir den als Rückzugsort bezahlten – doch dieser wurde nie nötig. Denn um sich zurück zu ziehen, dazu braucht es keinen separaten Raum. Es gibt Hunde, mit denen man eine Runde laufen kann. Es gibt Kopfhörer, die man aufsetzen kann. Es gibt ein Bett, eine Sitzgruppe, einen immer neuen Vorgarten. Wer sich zurückziehen möchte, der wird einen Weg finden.

Rollenverteilung

Ich gehe einkaufen und koche, Andre spült ab und kümmert sich um die Ressourcen. Ich putze eher mal das Bad, Andre schwingt eher mal den Staubsauger. Jeder tut, was er gut kann, und worauf beide keine Lust haben, da macht jeder mal was. Wir arbeiten beide, jeder hat seine eigene Selbständigkeit. Wenn einer mehr zu tun hat, übernimmt der Andere ein paar Aufgaben mehr. Denn sonst sieht es in so einem Wohnmobil nach kürzester Zeit aus wie bei Hempels unterm Sofa. Das bedarf keiner großartigen Absprachen, das spielt einfach ein – so, wie es auch in jedem normalen Haushalt sein sollte.

Der Alltag auf Reisen

Machen wir uns nichts vor: auch unterwegs muss die Wäsche gewachsen und das Geschirr abgespült werden. Das mag zwar weniger sein, als man es von früher gewohnt ist. Aber je nach Ausstattung nehmen diese Tätigkeiten sogar mehr Zeit in Anspruch als zuvor. Zwei Stunden vor dem Waschsalon rumlungern? Wengistens alle zwei Tage von Hand abspülen, anstatt einmal die Woche mit der Spülmaschine? Täglich die Hundehaare wegsaugen, wenn die Fiffies mal wieder ihren Fellwechsel haben? Und von der Kombination Hund + Wohnmobil + Regenwetter reden wir mal besser nicht …

Die gute Nachricht: es ist weniger zu tun, an alltäglichen, wiederkehrenden, unliebsamen Aufgaben im Haushalt. Viel weniger. Man verbraucht weniger Geschirr, einfach weil man den Mist nur wieder abspülen muss. Wir bevorzugen wärmere Klimazonen, brauchen deshalb auch weniger Klamotten – und müssen daher weniger waschen.

Krieg und Frieden

Manche Paare zoffen sich, dass die Fetzen fliegen. Und ebenso leidenschaftlich vertragen sie sich wieder – im Idealfall. Was im Wohnmobil nicht gut funktioniert, sind andauernde Unstimmigkeiten, egal ob diese eher passiv-aggressiv oder offen ausgetragen werden. Denn dann fehlt irgendwann vielleicht doch der Rückzugsort, und diese negative Energie ist dauerpräsent.

Das Leben im Wohnmobil findet auf engstem Raum statt – und umso kompakter das Fahrzeug ist, und umso schlechter das Wetter draußen ist, desto mehr sitzt man aufeinander. Das kann bei Beziehungskrisen natürlich unschön sein. Und so manch eine Beziehung hat das Wohnmobilleben nicht überlebt.

Das Zusammenleben auf sein kleinem Raum ist intensiver. Und die Enge, die in guten Zeiten eine wunderbare Sache ist, wirkt wie ein Brandbeschleuniger, wenn es in einer Beziehung erst einmal kriselt. Eine desolate Beziehung mit dem Umzug ins Wohnmobil retten zu wollen, halte ich daher für nicht ganz so aussichtsreich. Wenn man sich schon in einem 100qm Haus auf die Nerven geht, wird das im 10qm Wohnmobil vermutlich nicht besser werden.

Unterwegs die Wohnmobilliebe finden

Einsamkeit kann sehr bedrückend sein – wenn man mit ihr nicht klar kommt. Die Einsamkeit des Singledaseins ist in fester, gewohnter Umgebung oft nicht allzu präsent. Denn man hat immer noch Freunde, Familie und vielleicht auch Arbeitskollegen und Kunden um sicher herum.

Nun ist jeder Alleinreisende anders gestrickt. Die einen reisen gerne alleine, andere tun sich lieber mit anderen Reisenden zusammen. Hier muss jeder für sich selbst herausfinden, was einem gut tut.

Immer wieder schreiben mich Menschen an, die sich nicht wirklich trauen loszufahren, eben weil sie alleine sind. Es sind weniger Bedenken der Sicherheit, sondern vielmehr der Einsamkeit. Sie würden gerne erst einen Partner finden, der den gleichen Freiheitsdrang hat, und mitkommen würde. Meine Empfehlung ist immer die gleiche: mache es einfach! Fahr los! Es ist viel wahrscheinlicher, dass du Jemanden findest, der das Umherreisen ebenso liebt wie Du, wenn Du diesen Jemanden unterwegs auf Deinen Reisen triffst! Auch gibt es Facebook-Gruppen von Alleinreisenden / Wohnmobilnomaden usw, hier kann man sich gut connecten. Ja, Facebook. Auch wenn Du dieses Soziale Netzwerk eigentlich nicht leiden magst, es ist sehr nützlich – einfach, weil dort viele vertreten sind.

Bei einer Sache bin ich mir relativ sicher: wer allzu ehrgeizig nach einer Beziehung lechzt, um im Wohnmobil nicht einsam zu sein, der wird sicher irgendwas finden – im Zweifel eben jemanden, der ebenso nicht einsam sein möchte. Ob das dann auch zur wahren Liebe wird, oder einfach nur eine gemeinsame Vermeidung von Einsamkeit, ich weiß es nicht. Wer es etwas lockerer sieht, und es einfach auf sich zukommen lässt, der kann sich einfach darauf einlassen – und man wird sehen, wo die Liebe hinfällt.

24/7

Als Paar im Wohnmobil leben und nicht auswärts arbeiten gehen müssen. Das bedeutet, dass man unter Umständen 24 Stunden am Tag aufeinander hockt. Bei einer längeren Schlechtwetterphase auch mal sieben Tage am Stück. Wenn Dich alleine der Gedanke daran wahnsinnig macht, dann halte ich Überlegungen für angebracht. Liegt es an der Person, also an Dir oder an Deinem Partner, dass Dich so eine Situation belasten würde? Solltest Du der Beziehung Möglichkeiten und Freiräume schaffen, die das Risiko einer Beziehungskrise mindern?

Drei Tage Regen: der eine möchte die Zeit nutzen um in Ruhe ein Buch zu lesen. Während der Partner drei Tage lang wie verrückt das Wohnmobil durchputzt, nur um sich zu beschäftigen. Einer liegt faul rum, der andere ärgert sich über diese Faulheit und weiß die vom Wetter verordnete Entschleunigung nicht zu schätzen. Nur ein Beispiel eines möglichen Konfliktherdes. Da gibt es noch viele andere, die im Wohnmobil einfach mehr auffallen: ein Partner ist penibel ordentlich, der andere nicht so. Eine herumliegende Klamotte fällt im Wohnmobil einfach mehr auf als in einer Wohnung.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Eine Beziehung im Wohnmobil zu führen bedeutet, Rücksicht aufeinander zu nehmen – insbesondere da, wo Unterschiede auftreten. Ein Partner fällt im Morgengrauen aus dem Bett, während der andere erst am späten Vormittag langsam wach wird. Möchte einer schlafen und der andere nicht, kann es an Rückzugsmöglichkeiten mangeln. Sowas fällt in einer Wohnung nicht so sehr ins Gewicht, im Wohnmobil kann dies jedoch anders sein – je nach Raumaufteilung und Größe.

Zum Schluss bleibt eigentlich nur zusagen: Alles ist intensiver. Im Guten wie im Schlechten.

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